Die Entwicklung des Vereins „Berliner Osten“


Historie

Die Wirren des 2. Weltkrieges waren an den Liebhabern der Vogelhaltung noch nicht vorüber gegangen, als beherzte Züchter wieder mit dem Aufbau ihrer Zucht begannen. Der ging nur langsam vorwärts, da Futter und Material für Käfige und Volieren nur zu Schwarzmarktpreisen zu beschaffen waren. Ein Wunsch der Liebhaber und Züchter bestand darin, sich wieder in einer Interessengemeinschaft zu vereinigen.
Bereits am 18.04.1948 konstituierte sich unter Leitung des Zuchtfreundes Leopold Keidel (München) wieder die im Jahre 1920 gegründete und durch den 2. Weltkrieg unterbrochene "Austauschzentrale der Exotenliebhaber und -züchter (AZ)". Auch Berliner Zuchtfreunde schlossen sich der AZ an, bis die Zusammenarbeit durch die Schaffung der Zonengrenzen unterbunden wurde. Als in den Westzonen am 24.05.1949 die Bundesrepublik Deutschland konstituiert war und darauf am 7.10.1949 die Deutsche Demokratische Republik gegründet wurde, änderten sich unvermeidlich die Bedingungen für die Züchter. Der „eiserne Vorhang“ trennte auch die Vogelliebhaber in West und Ost. Die Vogelfreunde im Ostteil waren von denen im Westen abgeschnitten.
Trotzdem oder gerade deshalb haben sich die Vogelzüchter in Berlins Osten zusammengeschlossen und am 20.10.1952 einen Verein gegründet. Die Initiative ging von Albert Fischer aus, der auch den Vorsitz übernahm. Er wohnte in Hönow, also wie viele Vereinsmitglieder in den Stadtrandsiedlungen von Blankenfelde im Norden, über Wartenberg und Mahlsdorf im Osten, bis Köpenick im Süden. Hier hatte der Krieg unter den Häuschen und in den Schrebergärten weniger gewütet als im Berliner Stadtzentrum.
Der Zuchtfreund Josef Klostermeyer aus Zeitz, später erster Geschäftsführer der SZG, stellt im August 1952 an die Zentrale Zuchtkommission „Rassegeflügel“, Berlin, den Antrag, den Zusammenschluss der früheren AZ-Mitglieder zu einer Arbeitsgemeinschaft „Ziergeflügel- und Exotenliebhaber“ zu gestalten. Ein entsprechender Aufruf erschien am 19.09.1952 in der Zeitschrift „Geflügelbörse“. Am 26.10.1952 gründeten 71 Vogelzüchter die "Zuchtgemeinschaft fremdländischer Vögel" in Leipzig. Auf der Gründungsversammlung wurden folgende Aufgaben herausgestellt: - Förderung der gesamten Vogelliebhaberei, - Wahrnehmung der gemeinsamen Interessen der Züchter in der DDR, - Aufnahme von Beziehungen mit den westdeutschen Zuchtfreunden, um zu einem Vaterland in Frieden und Freiheit zu kommen. Dieser Verein bezeichnete sich kurze Zeit später als "Spezialzuchtgemeinschaft Ziergeflügel und Exoten" (SZG) Die Berliner Züchter schlossen sich dann dieser SZG an.

Vereinsgründung

Die Berliner Vogelzüchter kamen in den Räumen der Staatsbibliothek, Unter den Linden, in Berlin-Mitte zusammen. Schnell wuchs die Anzahl der Teilnehmer an den Treffen und die der mitgebrachten Tiere. So war der „Vermieter“ nicht begeistert über die zunehmende Verschmutzung durch die Tauschbörsen. Also wurde nach anderen Lokalitäten gesucht und man teilte sich in kleinere Sparten Ziergeflügel und Exotenzüchter auf. Es entstanden die Berliner Vereine „Berliner Norden - Karl Neunzig“, „Berliner Südosten“ und eben „Berliner Osten“. Diese gehörten dann zum VKSK „Spezialzuchtgemeinschaft Ziergeflügel und Exoten“ (SZG).

Zuchterfolge

Wie erfolgreich trotz beschränkter Ressourcen (Futter, Tierimport) die Vereinsmitglieder waren, zeigten die regelmäßigen Exotenschauen in der Ausstellungshalle des VKSK in Berlin-Karlshorst mit tausenden Besuchern.
Ausgestellt wurden regelmäßig alle 2 Jahre, jeweils ca. 60 Großsittiche und Prachtfinken, etwa 40 Wellensittiche, 30 Kanarien, je 20 Agaporniden und Wasserziergeflügel und jeweils etwa je 10 Fasanen, Wachteln, Waldvögel sowie Ziertauben.
Höhepunkt war Anfang der 70er Jahre eine 3wöchige Schau im Ausstellungszentrum am Fernsehturm mit 90.000 Besuchern.
Besondere Würdigung erhielten folgende Zuchtfreunde für Erstzuchten innerhalb der VZE:
1964 Herbert Springer - Pflaumenkopfsittich, Psittacula cyanocephala
1965 Erwin Schulz - Langschwanztaube, Reinwardtoena
1976 Alexius Ulaszewski - Rotbrust-Samenknacker, Spermophaga haematina
1977 Dieter Kiekbusch - Blaustirnsittich, Aratinga acuticaudata
1981 Jürgen Wonschyk - Schnurbärtchen, Sporopipes squamifrons
1982 Jürgen Wonschyk - Jakarinifink, Voratinia jacarina
1983 Hartmut Erbacher - Rotmaskenastrild, Pytilia hypogrammica
1983 Hartmut Erbacher - Papstfink, Passerina ciris
1986 Jean Schulz - Feuerflügelsittich, Brotogeris pyrrhopterus
1986 Bernd Henschke - Rotmaskensittich, Aratinga mitrata
1999 Wolfgang Beckert - Blauastrild, Uraeginthus angolensis


Entwicklungen

Nach der Wende sind Mitgliederzahlen und Tierbestand drastisch zurück gegangen. Für viele musste das Hobby zunächst in den Hintergrund treten. Es galt einen Platz in der „neuen“ Gesellschaft zu finden. Kaum einer konnte seine bisherige Erwerbstätigkeit fortsetzen, nach und nach wurden wir „abgewickelt“. Manch einer versuchte einen beruflichen Neuanfang und suchte sein Glück in der Ferne. Also blieben in erster Linie die mit relativ gesichertem Einkommen, die Rentner. Der VKSK der DDR wurde abgewickelt und aus der SZG die „Vereinigung Ziergeflügel- Exotenzüchter e.V.“ (VZE). Wer sein Hobby im Kleingarten betreibt, durfte dies jetzt unter „Bestandsschutz“, den das Bundeskleingartengesetzt erlaubt keine Tierhaltung im Kleingarten. Außerdem ist er jetzt Beitragszahler in zwei Vereinen dem jeweiligem Bezirksverband/Kleingartenverein im „Landesverband der Berliner Gartenfreunde e.V.“ und eben unserer VZE. Leider hat die Vereinigung in dieser Zeit nicht die gewünschte Orientierung und Unterstützung gegeben oder eben geben können. Wie z.B. in der leidigen Ringfrage. So verwundert es nicht, dass sich viele Ost-Berliner der AZ oder dem DKB angeschlossen haben.
Um ihr Engagement zu würdigen sollen an dieser Stelle wenigstens die Namen der Vereinsvorsitzenden der letzten Jahrzehnte genannt werden. Dies waren:

Hans-Joachim Werner

Dieter Kiekbusch

Rudolf Kaie

Gerd Wendisch

Nicht nur die Genannten wurden, im Laufe der Jahrzehnte,
für Ihre Leistungen mit der Ehrennadel der VZE ausgezeichnet.

Für seine besonderen züchterischen Leistungen wurde einer der Zuchtfreunde der ersten Stunde, Emil Wüst, Ehrenmitglied der VZE.
Ebenso als Ehrenmitglied unserer VZE wurde, insbesondere für ihre jahrzehntelange engagierte redaktionelle Arbeit bei verschiedenen Verlagen, unsere Zuchtfreundin Elke Thomas geehrt.

Über viele Jahre fanden die monatlichen Vereinsversammlung in der Gaststätte „Wernerbad“ in Berlin-Mahlsdorf statt. Diese wurden häufig durch Vorträge, manchmal auch mit Dias, von fachkundigen Gästen und Zuchtfreunden, geprägt. Immer gab es auch mehr oder weniger zu diskutieren und jedes mal natürlich die Frage wer welche Tiere anzubieten hat oder sucht. Auch diejenigen, welche sich hier nicht in die Anwesenheitsliste eingetragen hatten, kamen spätestens zur nächsten Futterausgabe. Denn dann gab es, aus heutiger Sicht sicherlich nicht das beste Körnerfutter, jedoch zu subventionierten Preisen. Unweit der Garage des Zuchfreundes, wo das Futter verteilt wurde, ebenso wie das Wernerbad in der Ridbacher Straße, lag das Lager für das Vereinsmaterial. Es war ein ehemaliges Wirtschaftsgebäude, welches zuvor der Zuchtfreund Tapazierermeister Herbert Springer für seine Möbelpolsterei genutzt hatte. Hier lagerten und wurden zum Teil auch neu gebaut und instand gehalten die Volieren und Vitrinen nebst der dazugehörigen Beleuchtungsanlagen und der liebevoll gestalteten Schautafeln für die Exotenschauen.
Wie man auf diesem alten Foto erkennen kann, war das von der damaligen KWV verwaltete Objekt etwas heruntergekommen, ohne festen Strom- und Wasseranschluss. Das Dach war dringend reparaturbedürftig. Dafür war es auch extrem mietgünstig. Für 42 m² Laggeraum waren an die damalige KWV Berlin-Marzahn monatlich 20 DDR-Mark zu zahlen, auch 27,50 DM nach der Wende an die WBG Hellersdorf klingen aus heutiger Sicht noch moderat. Unsere Sachen waren wenigstens einigermaßen trocken untergebracht. Nach der Wende meldeten Erben von Alteigentümern ihre Ansprüche an und Ausstellungen welche wie in der Vergangenheit Geld in die Vereinskasse bringen, waren nicht zu realisieren. Das Vereinsobjekt wurde 1996 aufgegeben und mit ihm alles, was sich noch darin befand. Das war ein herber Rückschlag für den Verein. Heute stehen hier übrigens zwei neue Eigenheime und nur noch Reste des alten Maschendrahtzaunes.
Das Freibad "Wernerbad" samt der Gaststätte auf dem Gelände war in den letzten Jahrzehnten, trotz immer wieder neuer "Investoren" mehr geschlossen als geöffnet. Daher nutzen wir seitdem für unsere zweimonatlichen Treffen die Gaststätte "Lindenschänke" in Waldesruh an der Berliner Stadtgrenze. Da wir den großen Saal nicht annähernd so füllen können wie die Kaninchenzüchter, reicht häufig ein Tisch im Wintergarten. Freundliche Bedienung, deutsche Küche und bei Bedarf auch ein Fernseher oder Beamer (dann aber doch lieber im großen Saal) für einen Vortrag, sind für uns geeignete Rahmenbedingungen.

Exkursionen

Darüber hinaus haben wir auch nicht aufgegeben etwas gemeinsam zu unternehmen.
So gehört zum Jahresende immer eine kleine Weihnachtsfeier wo auch die Ehepartner mit dabei sind, welche zwar nicht zu den Züchtertreffen kommen, ohne deren Unterstützung aber das Hobby für die Meisten so nicht möglich wäre.
Wirkliche Höhepunkte im Vereinsleben sind jedoch gemeinsame Aktivitäten, wie Fahrten in Vogel- und Tierparks.
Fast jedes Jahr wurden Exkursionen unternommen. So waren wir beispielsweise 1994 im Vogelpark Walsrode.

Zwangsläufig bekommt man auch hier viele Vögel nur hinter Volierendraht zu Gesicht.

Es werden hier aber auch Anlagen präsentiert, wie sie kaum ein privater Züchter errichten kann.

Im Jahr darauf folgte ein Besuch der VZE-Bundesausstellung. 1996 hieß das Ziel Vogelpark Marlow.

Als Tierfreunde interessieren wir uns allerdings nicht nur für Vögel. Natürlich ist es besonders schön Vertreter der Ares gemeinsam mit denen der Säugetiere, wie hier im Berliner Zoo (1997), zu sehen.

1998 wurde der Zoo in Leipzig besucht und 1999 der in Eberswalde.

Im Jahr 2000 ging es in den Zoo Hannover, im darauf folgendem Jahr wurde dem Tierpark Berlin ein gemeinsamer Besuch abgestattet.

2002 ging es wieder einmal nach Leipzig und 2003 noch einmal nach Eberswalde.

Aufgrund geringerer finanzieller Mittel und dem immer höherem Alter der Vereinsmitglieder sind die Kreise, welche in den letzten Jahren gezogen werden konnten immer kleiner geworden. So war der Höhepunkt der Jahres 2007 die Vogelschau und VZE Landesmeisterschaft in Neuenhagen, welche die Vogelfreunde Märkisch Oderland ausgerichtet haben.
2008 und 2009 haben wir uns dann schließlich an der Voliere eines unserer Zuchfreunde getroffen. Letztendlich ist ja auch nicht entscheidend wie weit man fährt sondern, dass Vogelzüchter und - Halter zum fachlichen Erfahrungsaustausch zusammenkommen.
Der Höhepunkt des Jahres 2009 war dann die "8. Große Vogelschau" der Vogelfreunde Märkisch-Oderland im Bürgerhaus Neuenhagen bei Berlin. Erstmalig konnten wir uns hier aktiv einbringen, unter anderem mit einer Schautafel auf welcher wir Bilder aus unserem Vereinsleben zeigten.

2010 ist das Treffen an der Voliere fast schon so etwas wie eine gute Tradition geworden.
Dieses Jahr fand die "9. Große Vogelschau" im Saal der Gaststätte "Zur Süßen Ecke" in Neuenhagen, auch wieder mit unserer bescheidenen Beteiligung, statt.

Neben unserem Treffen an der Voliere war ein herausragendes Ereignis die Fahrt mit den Vogelfreunden Märkisch-Oderland ins Haselhuhnzentrum nach Pritzwalk.
Der Höhepunkt des Jahres 2011 war dann die "10. Große Vogelschau" der Vogelfreunde Märkisch-Oderland im Gemeinedasaal Hoppegarten. Auch da konnten wir uns wieder aktiv beteiligen, ermalig war eine Voliere mit Zwergohreulen zu sehen. Und Anfang November ging es dann zur Jubiläumsaustellung der VZE nach Leipzig-Markleeberg.

Epilog

Inzwischen gehören wir zur „Vereinigung für Zucht und Erhaltung einheimischer und fremdländischer Vögel e.V.“ (VZE).
Auch wenn sich die Geschichte, seit der Wende, nicht wie eine Erfolgsstory liest, so gibt es doch eine Chance auf des Bewahrte, auf die züchterischen Erfahrungen der älteren Zuchtfreunde zurück zu greifen. Diese Möglichkeit gilt es zu nutzen.
In einer Zeitung war zu lesen, dass der Hang der deutschen zu Vereinen ungebrochen sei. Dies scheinen zahlreiche Vereine und Interessengemeinschaften, sowie Games- und Fanclubs zu bestätigen. Manche davon existieren eher nur kürzere Zeit, wir leben auch diesbezüglich sicherlich einer kurzlebigen Zeit. Der Computer hat die Modelleisenbahn weitgehend verdrängt.
Aber was ist ein virtueller Pflegling, sind Tamagotchi, Creature und Co. Gegen das reale Leben? Naturschutzvereine werben zum Teil aggressiv um zahlende Mitglieder. Manche führen einen Feldzug gegen in Gefangenschaft gehaltene Tiere.

Wir versprechen nicht für 5 € bedrohte Tiere oder deren Umwelt zu retten. Wenngleich Vogelzüchter grundsätzlich auch Naturfreunde sind und über ihre Voliere hinaus blicken, so stehen sie doch eher für den Erhalt der Populationen in menschlicher Obhut. Alleine dafür sind sie bereit einen hohen zeitlichen und finanziellen Aufwand zu betreiben.

Vieles was heute über Ernährung und Verhalten von Vögeln bekannt ist, verdanken wir nicht Akademikern und Feldforschern, sondern der Hingabe privater Vogelhalter und Amateur-Ornithologen.

Im Bild links (von rechts nach links)
Zfrd. Dr. Günther der Vorsitzende unserer Vereinigung
und der alte und neue Landeszuchtwart von Berlin/Brandenburg
Zfrd. Großmann und Zfrd. Felberg auf dem Landeszüchtertag 2009.




Einige der Vögel welche unsere Vereinsmitglieder halten sind in der GALERIE als Foto, manche auch als Videoclip, zu sehen.

Beitrag von:
Thomas Sachse